Eine Frage kommt bei uns zuerst, und sie ist berechtigt: Wieso gibt es in New Jersey noch eine Runde, die auf Deutsch tagt? Die Antwort hat zwei Hälften. Die erste ist eine Einwanderung von historischem Ausmaß. Die zweite sind zwei Weltkriege, die alles Deutsche verdächtig machten — und die viele deutsche Vereine nur überlebten, weil sie die Sprache aufgaben. Genau das konnte eine Sippung nicht.
Sechs Millionen
Zwischen 1820 und dem Ersten Weltkrieg wanderten fast sechs Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten ein. Von 1840 bis 1890 waren sie die größte Einwanderergruppe des Landes überhaupt. Das stärkste Jahrzehnt war das letzte vollständige vor der Stiftung dieses Reyches: Zwischen 1881 und 1890 kamen 1.452.970 Deutsche.
Wer das im Kopf hat, versteht die Jahreszahl 1890 anders. Eine deutschsprachige Runde in New Jersey war damals nichts Ausgesuchtes. Sie war naheliegend.
Newark, Central Ward
In Newark saß die deutsche Einwanderung im Central Ward. Der Name, der davon in der Stadtgeschichte blieb, ist der eines Bierbrauers: Gottfried Krueger kam 1851 als Sechzehnjähriger aus Deutschland zu seinem Onkel in die Newarker Brauerei, wurde 1875 Alleininhaber und braute später über eine halbe Million Barrel im Jahr.
Kruegers Lebenslauf liefert auch das Bild für den Bruch: Bei Kriegsbeginn 1914 war er auf Besuch in Deutschland — und musste dort bleiben, bis der Krieg zu Ende war.
Was der Erste Weltkrieg anrichtete
Ab 1917 wurde aus Herkunft ein Verdacht. Die Maßnahmen und ihre Folgen sind gut dokumentiert:
- Das Justizministerium legte eine Liste deutscher Ausländer an und zählte etwa 480.000; mehr als 4.000 wurden 1917 und 1918 eingesperrt.
- Iowa verbot 1918 mit der Babel Proclamation alle Fremdsprachen in Schulen und auf öffentlichen Plätzen.
- Nebraskas Verbot des Unterrichts in anderen Sprachen als Englisch hob der Oberste Gerichtshof erst 1923 auf.
- Die Germania Life Insurance Company in New York nannte sich Guardian, die Germania Street in Indianapolis wurde 1917 umbenannt, Sauerkraut hieß „liberty cabbage“, und viele deutsche Familiennamen wurden anglisiert.
Der Zweite Weltkrieg brachte die nächste Runde: Nach dem Alien Registration Act von 1940 mussten sich rund 300.000 in Deutschland geborene Einwohner registrieren lassen.
Die Turnvereine — und der Preis des Überlebens
Was das mit deutschen Vereinen machte, lässt sich an den Turnvereinen genau ablesen. Ihr Höchststand lag 1894 bei 317 Vereinen mit etwa 40.000 erwachsenen Mitgliedern. Nach 1900 und besonders nach 1917 ging es abwärts. Die jüngere Generation verlangte, die Vereinsgeschäfte nur noch auf Englisch zu führen — und genau das erlaubte vielen Turnvereinen weiterzubestehen. 2011 waren es noch 54.
Das ist die unangenehme Pointe der deutsch-amerikanischen Vereinsgeschichte: Viele Gründungen haben nicht deshalb überlebt, weil sie deutsch blieben, sondern weil sie es aufgaben.
Warum eine Sippung diesen Weg nicht gehen konnte
Die Schlaraffia ist ein deutschsprachiger Männerbund. Die Sippung — der Abend, an dem gespielt, gedichtet, musiziert und gelacht wird — ist ohne die Sprache nicht denkbar. Ein Turnverein kann seine Übungsstunde auf Englisch abhalten und bleibt ein Turnverein. Eine Fechsung auf Englisch ist keine Fechsung mehr.
Ein Reych in New Jersey hatte damit die Wahl, die ein Turnverein nicht hatte — und so ist der Bestand dieses Reyches keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Leistung. Die Newarka sippt seit 1892 weiter, montags, auf Deutsch. Dass die Nova Yorkia, die Caesarea, die Ludovica Missouria, die Baltimora und die SyracUHUsa aus derselben Generation und Gegend erloschen sind, macht das erst sichtbar.
Und heute
Dover ist längst keine deutsche Stadt mehr; 2010 bezeichneten sich fast siebzig von hundert Einwohnern als Hispanic. Die Schwerindustrie, die die Einwanderer hergeholt hatte, ist fort. Die deutsche Sprache ist hier nicht mehr die Sprache der Straße — sie ist die Sprache eines Montagabends.
Wer sie mitbringt, ist willkommen: als Gast, als Einreiter, als Zuhörer. Wie das abläuft, steht unter Was ist Schlaraffia; die Geschichte des Reyches erzählt die Seite Geschichte.
Die Zahlen und Vorgänge dieser Seite — Einwanderungsstatistik, Central Ward, Gottfried Krueger, Turnvereine, die Maßnahmen beider Weltkriege — stammen aus öffentlich zugänglichen Darstellungen und sind dort einzeln nachprüfbar; Stand der Abfrage ist der 28. September 2026. Über das deutsche Vereinsleben in Dover selbst liegen uns keine belegten Angaben vor: Ein deutsches Vereinsgelände am Ort, von dem eine Reychsüberlieferung spricht, ließ sich in öffentlich zugänglichen Quellen nicht nachweisen und wird hier deshalb nicht benannt. Wer dazu Unterlagen beitragen kann, möge sich bitte melden.