🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
Geschichte des Newarka in Dover
Ein Reych, zweimal datiert
Am 5. Dezember 1890 stiftete die Nova Yorkia (69) in Newark eine Colonie. Anderthalb Jahre später, am 22. April 1892, wurde sie zum Reych erhoben. Das Fest dazu fand in der Burg Centralia statt — benannt nach dem Central Railroad Hotel am Kopfbahnhof, einem deutschen Vereinslokal, wie es im Buche steht. Beide Daten gehören zusammen: das Reych selbst rechnet mit dem ersten und beging am 30. November 2026 sein 136. Stiftungsfest.
Der Umschlag, der alles beantwortet
Vom Abend der Sanctionsfeier ist ein Zeugnis erhalten, und zwar ein prächtiges: ein Heft von sechzehn Seiten, blauer Umschlag, mit einer Schleife geheftet. Es liegt in der Rare Book Division der New York Public Library, in der Buttolph-Sammlung von Speisekarten. Auf dem Umschlag steht in blauem Druck, mit einem Uhu im Kästchen:
Schlaraffia Newarka · Sanctionsfeier in der Bvrg Centralia am 22. des Ostermondes · 1592 ·
Die Jahreszahl 1592 ist der schlaraffische Scherz — das Reych datiert sich dreihundert Jahre zurück, wie es zum Spiel gehört. Von der Sammlerin Frank Buttolph mit der Feder ergänzt steht darunter das wirkliche Datum: Newark, N.J. · Central R.R. Hotel · 22. Apr. 1892. Zwei Namen in Bleistift halten fest, wer an jenem Abend dabei war: Herrl. Nekrassow der Weltschmerzer und Graf von Essex Passaic — der zweite trägt gleich zwei Ortsbezüge im Namen, denn Essex ist das County von Newark und der Passaic sein Fluss.
Der Atzvngs-Zeddel
Im Heft stehen fünf Liedblätter in Fraktur — Lulu Praga, die Schlaraffen-Hymne, die Schlaraffen-Schöpfung, das Lulu-Lied und das Urschlaraffenlied — und der Speisezettel. Der ist kein Speisezettel, sondern ein Stück Reychskunst. Über der Liste steht statt In arte voluptas der Kalauer In brandio volvptas, und unter jedem Gang eine Zeile aus einem der Lieder desselben Heftes.
Die Pointen muss man kennen: Avstreae Pvncti azvli sind Blue-Point-Austern, Sommerinselnknollen sind Bermuda-Kartoffeln — Bermuda hiess einmal Somers Isles —, Kasvs im Belli ist der Käse, Arabische Bohnenbrühe der Kaffee und Lvnten sind die Zigarren. Am Fuss steht: Ad memorandum: Die Interstices werden mit seyn Geredt und Leibe ausgefüllet werden — die Pausen zwischen den Gängen sind mit Rede und Fechsung zu füllen. Wer zu seiner Sanctionsfeier so einen Zeddel setzen lässt, hat das Spiel nicht erst am Vorabend gelernt.
Ein zweiter Beleg liegt auf der anderen Seite des Atlantiks: im Geheimen Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz zu Berlin verwahrt der Bestand Rep. 227 die Einladung zur Sanktionsfeier des Reychs Newarka am 22. April 1892 — dorthin gelangt, weil die Oldenburgia sie damals bekam und aufhob. Die Newarka hatte nach Deutschland eingeladen.
Von Newark nach Dover
Als die deutsche Gemeinde Newark verliess und nach Westen ins Morris County zog, zog das Reych mit. Aus der Burg Centralia am Bahnhof wurde die Trutze Passaica in Dover. Beide Namen halten Newark fest — der eine über das Hotel, der andere über den Fluss.
Die Schlaraffia in den Vereinigten Staaten hat zwei schwere Einschnitte überstanden, den Ersten Weltkrieg, als alles Deutsche verdächtig war, und den Zweiten. Aus der Generation und der Gegend der Newarka sind die Nova Yorkia, die Caesarea, die Ludovica Missouria, die Baltimora und die SyracUHUsa erloschen. Dass ein Reych, das 1892 sanctioniert wurde, heute noch montags sippt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Leistung.
Im Verbund
Die Newarka gehört zu den acht Reychen des Ordens Stern des Nordatlantik, den erhält, wer sie alle besucht: Newarka, Brooklynia, Filadelfia, Bostonia, Totowa, Bisonia, Washingtonia und Porta Ontariae.
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